Hanfmuseum startet “100 Jahre Wolfgang Neuss”

Veröffentlicht am 4. Dezember 2022
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Kein anderer Prominenter hat sich so früh, so intensiv, so glaubwürdig für die Legalisierung von Cannabis engagiert wie Wolfgang Neuss. Das Hanfmuseum läutete am Samstag ein “Neussjahr” zu Ehren seines bevorstehenden 100. Geburtstags ein.

Wolfgang Neuss 1985 (Foto: Werner Bethsold)

Hans Wolfgang Otto Neuss lief schon mit 15 von Zuhause weg, weil er Clown werden wollte. Bevor aus dem Schlachtergesellen jedoch “Deutschlands schärfste Zunge” (Richard von Weizäcker) und eine Ikone der deutschen Legalisierungsbewegung werden konnte, musste die “Raupe Wolfgang” (Neuss über Neuss) vielfach metamorphieren.

Vom Hitlerregime zum Kriegsdienst an der Ostfront gezwungen, schoss Neuss sich den Zeigefinger der linken Hand ab und wurde zum Pazifisten. In der jungen Bundesrepublik avancierte er zum gefragten Star in Film und Fernsehen. Den so erworbenen Wohlstand sah man dem Lebemann bald an. Doch die nächste Verwandlung lief längst.
Wolfgang Neuss schrieb, drehte, spielte und vertonte eigene Filmproduktionen, die ganz anders waren als die Heimatschinken der 50er Jahre. Mit Streifen wie “Wir Kellerkinder” und “Genosse Münchhausen” erfand Neuss nicht nur sich selbst neu sondern ein Genre bundesrepublikanischer Filmkultur – die politische Komödie. Damit inspirierte er eine Generation Autoren wie Wolfgang Menge und Helmut Dietl.

Vom Mann mit der Pauke zum Stadtindianer

Die Freunde, die Neuss in den 50ern gemeinsam mit seinem kongenialen Bühnenpartner Wolfgang Müller und beim Berliner Kabarett Die Stachelschweine am politischen Witz gefunden hatte, lebte er nicht nur in Filmen aus. In den 60er Jahren galt “Der Mann mit der Pauke” als einer der besten deutschen Kabarettisten. Bei seinen Solos tummelte sich im Publikum die Prominenz. Neuss lernte so u.a. Wolf Biermann und Rudi Dutschke kennen. Am Ende des Jahrzehnts war aus dem Liebling der Kinogänger ein Bürgerschreck und Revoluzzer geworden. Schauspielangebote und Bühnenauftritte wurden seltener, Schlagzeilen machte Neuss nur noch mit einem Antrag auf Sozialhilfe und einer Anklage wegen des Besitz von 35,8g Haschisch und mehrerer LSD-Trips.

Gerade als die BRD ihn zu vergessen drohte, erfand sich Wolfgang Neuss neu. Zahnlos und mit langen Haaren kommentierte der “Stadtindianer” (Werner Pieper) fortan von der heimischen Couch oder im Kabarett die Welt. “Neuss vom Tage” brachte ihm 1983 den Deutschen Kleinkunstpreis, eine Kolumne im Stern und ein Comeback, dass dem fast 60-Jährigen kaum jemand mehr zugetraut hätte. Höhepunkt des Jahres war zweifellos ein Auftritt in der SFB-Sendung Heute am 5. Dezember, in der er auf den damaligen regierenden Bürgermeister von Berlin Richard Weizäcker traf.
So erfolgreich der Prominente Wolfgang Neuss in den 80ern war, so angeschlagen war es die Person. Neuss litt unter einer Krebserkrankung und rauchte gegen die Schmerzen große Mengen Haschisch. Dass er dies öffentlich sagte, führte 1984 zu einer weiteren Hausdurchsuchung und einer weiteren Verurteilung wegen Drogenbesitzes.

Heut’ mach’ ich mir kein Abendbrot. Heut’ mach’ ich mir Gedanken.

Wolfgang Neuss

Mit einem Auftritt an seinem 65. Geburtstag verabschiedete sich Wolfgang Neuss endgültig von seinem Publikum. Er starb ein halbes Jahr später am 5. Mai 1989.

Sonderausstellung “100 Jahre Wolfgang Neuss”

“Wolfgang Neuss ist tot, reden wir über die Weltliteratur” schrieb Matthias Beltz in seinem Nachruf auf den Mann mit der Pauke. Das Hanf Museum will lieber über ihn reden und widmet sich Wolfgang Neuss ab sofort in einer Reihe Sonderausstellungen anlässlich seines hundertsten Lebensjahrs. Zum Auftakt des Neussjahrs lädt das Museum dazu ein, Wolfgang Neuss’ Leben in zeitgenössischen Statements zum “Berliner Scheusal” (Bild) nach zu vollziehen. Darüber hinaus lässt es “Zwerg Mundwerk” (FAZ) in ausgewählten Texten, selbst zu Wort kommen.

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